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15.04.05 16:02 Alter: 12 yrs

Tatort Pony-Bar

Von: Die Welt

Hier wird sogar der Sonntagabend Kult: Ein Jahr Szene-Treff im Pferdestall

"Paß auf, gleich fliegt das Auto in die Luft!" Lisa stupst Lukas an; der nickt nur, kneift die Augen halb zu und sieht nach vorn. Dann macht es "krawumm": Ein Jeep explodiert vor einem Pferdestall. Und in der Pony-Bar am Hamburger Uni-Campus zucken die Zuschauer zusammen. Daß die Pony-Bar in einem Gebäude residiert, das im Volksmund Pferdestall heißt, ist reiner Zufall: Der Jeep ist nicht hier vor der Tür explodiert, sondern im Film, auf der Leinwand...

Lisa und Lukas sitzen mit drei Freunden in einer Veranstaltung, die inzwischen Kult-Status hat: dem Tatort-Club in der Pony-Bar. Im Juni feiert der Szene-Treff, der von Studenten für Studenten betrieben wird, sein einjähriges Bestehen. Tagsüber gibt es dort Kaffee und andere Getränke, abends Musik live oder vom DJ, manchmal Theater, Lesungen, Ausstellungen. Doch die treuesten Fans hat ein Programm, das einst als biedere Main-stream-Kultur belächelt wurde: Jeden Sonntag um 20.15 Uhr treffen Krimi-Fans sich im Hinterzimmer zum gemeinsamen Tatort-Gucken. "Das ist ´ne gute Sonntagabend-Beschäftigung", sagt die 21jährige Lisa. In ihrer Studenten-Bude habe sie keinen Fernseher; außerdem mache es mehr Spaß, den Kult-Krimi auf einer zwei mal drei Meter großen Leinwand zu verfolgen, und das bei freiem Eintritt. Lisa und ihre Freunde sind bei weitem nicht die einzigen, die so denken. "Wir haben derben Zuspruch im Tatort-Club", sagt Alex Meckelburg, Programmchef der Pferdestall Kultur GmbH, die die Pony-Bar betreibt.

So sitzen auch heute, am bisher wärmsten Tag des Jahres, mehr als 30 Krimi-Fans im fensterlosen Hinterzimmer der Pony-Bar und warten auf die berühmte Melodie, das Auge, das Fadenkreuz ? auf den nächsten Fall. Heute ermittelt Hauptkommissar Thiel aus Münster. Die Folgen aus der Studentenstadt sieht Henrik (28) am liebsten,"manchmal auch die aus Hannover". Auf einem Flyer hat er vom Tatort-Club erfahren; Freundin Astrid (28) ist mitmarschiert. "Mal sehen, wie die Stimmung so ist."

Die Stimmung wird dem Genre gerecht. Als Alex den Samtvorhang am Eingang schließt, herrscht andächtige Stille im Raum.Lukas legt den Arm um Joe; zwei Frauen in der ersten Reihe legen die Beine aufs Podest, wo sonst Live-Bands spielen. Mit beiden Händen halten sie Astra-Flaschen auf dem Bauch, sinken tiefer in die kuscheligen Cordsessel. Auf der Leinwand fällt derweil die erste Leiche auf ein Autodach: Die Mörderjagd ist eröffnet.

"Was läuft´n da?" Marktforscher Michael (42) steckt den Kopf durch den Vorhangschlitz. Der Tatort ist fünf Minuten im Gang ? "das geht ja". Michael holt sein Bier aus der Kneipe und ergattert einen Platz auf der Bühne, hockt sich links neben der Leinwand auf den Boden. Jetzt sind nur noch Stehplätze frei.

Allmählich wird die Luft warm. Sarah (26) sitzt schon im T-Shirt da. Die Erzieherin findet es witzig, mit mehreren Krimi-Fans gemeinsam zu rätseln, zu lachen, zu lästern. "Ist doch mal was anderes", sagt auch Betriebswirt Eike (26). Er und seine Freundin Tina (25) haben es sich mit Latte Macchiato und Bionade auf den Matratzen an der Seite bequem gemacht. Industriekaufmann Sven (39) und Claudia (31) wohnen um die Ecke, kommen regelmäßig zum kollektiven Krimi-Gucken zwischen Blümchentapeten und Beistelltischchen aus Omas Zeiten. "Außerdem gibt es hier Salzstangen umsonst", freut sich die Radio-Mitarbeiterin und greift in das Glas auf dem Boden. Der Appetit vergeht ihr jedoch, als im Film die "Kronjuwelen" eines unfreiwillig kastrierten Zuchthengstes im Geschenkpaket aufgebahrt sind. "Eine hodenlose Frechheit", kommentiert der Rechtsmediziner im Münster-Krimi. Der Tatort-Club grölt.

Überflüssiges Reden nervt in dieser Runde, da sind sich alle einig. Keine Zwischenfragen und kein Hobby-Detektiv-Getuschel stören die Stimmung. Auch Cornelius (31) sitzt geräuschlos dabei, obwohl er eigentlich für laute Töne zuständig ist. Er ist an diesem Abend der DJ in der Pony-Bar; Dienstbeginn: 19 Uhr. Doch jeden Sonntag legen Plattenteller und CD-Player um 20.15 Uhr eine Pause ein, damit der Tatort-Club in Ruhe den Mörder fangen kann. "Laute Musik würde nur stören", sagt Cornelius verständnisvoll. Zu Hause käme auch niemand auf den Gedanken, zwischendurch das Radio einzuschalten...