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21.05.06 15:59 Alter: 11 yrs

Leichenschau in der Pony Bar

Von: Weser Kurier

Hamburger Kneipe zeigt jeden Sonntag den "Tatort"

HAMBURG. Ein Augenpaar. Ein strenger Blick nach link, dann nach rechts. Blende. Der Blick trifft den Beobachter, nur wenige Sekunden. Ein Fadenkreuz zeichnet sich über die Pupille, weiße Kreise vervollständigen es zu einer Zielscheibe, Es ist viertel nach acht. Das Hinterzimmer der Hamburger "Pony Bar" wird zum "Tatort"-Klub. Alle Plätze sind besetzt.

Rückblick: Eine halbe Stunde vorher. Auf den Polsterstühlen - Überbleibsel aus den siebziger Jahren - sitzen die ersten Gäste. Die, die regelmäßig kommen und Bescheid wissen, welcher Platz den besten Blick auf Kommissar Thiel und Pathologen Boerne aus dem Münsteraner "Tatort"-Team bietet - die Protagonisten des Abends. "Um einen Platz zu bekommen, muss man schon so gegen kurz nach halb hier sein", erzählt Karoline Beisel, während sie Aschenbecher auf den Nierentischen verteilt.

Seit einem Jahr organisiert die 23-Jährige den "Tatort"-Klub in der "Pony Bar". Das Motto: Fernsehen macht doch nicht einsam. Etwa 40 Gäste kommen jeden Sonntag, um den Tatort anzuschauen. "Mit der großen Leinwand ist das ein bisschen wie im Kino", sagt Karoline Beisel über die Gründe, warum Leute nicht zu Hause, sondern in einer Kneipe fernsehen.

Hinter dem schweren, braunen Samtvorhang, der das Hinterzimmer vom Kneipenraum abtrennt, drängeln sich schon die Nächsten. Pünktlich zwar, aber für die ersten Reihen zu spät. Sobald die Blümchentapete durch die Leinwand verdeckt ist, wirft Karo den Beamer an. Die alten Lampen an den Wänden, die Diskokugel, die zwischen Rohren und Kabeln unter der hohen Decke hängt, wird später niemand mehr beachten. Die Aufmerksamkeit gilt nur der Leinwand.

Wer aber gehört zu den treuen Fernsehgästen? "Es gibt vielleicht einfach Leute, für die der Tatort Kult ist", vermutet Karoline Beisel und streicht sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie selbst ist gar noch so ein "Tatort"-Fan, zum Klub ist sie nur zufällig gekommen.

Welche Kommissare gut ankommen, das merkt sie am Publikum. "Die Hamburger Tatorte haben natürlich einen hohen Wiedererkennungswert, dann ist es voll hier. Natürlich gibt´s auch Lieblinge - Köln, Leipzig oder Berlin, die laufen ganz gut", sagt sie nachdenklich. "Es ist wie im Kino, es kommt regelmäßig, und daraus ist die Veranstaltung namens Tatort-Klub entstanden." Vor allem Studenten komme. Weil sie keinen Fernseher haben oder einfach die Atmopshäre gut finden. "Aber auch Erwachsene sind hier - also die jenseits der 35", sagt Karoline Beisel lachend.

Dann geht es los: Die Jurastudentin schaltet das Licht aus. Langsam verebbt das Gemurmel. Die Leute schlüpfen noch durch die Stuhlreihen, suchen im Dunkeln nach freien Plätzen. Auch Dirk findet noch einen Platz. Er gehört zu den Stammgästen. "In geselliger Runde Tatort zu gucken, das gefällt mir", erzählt der 33-jährige Hamburger. "Die Leipziger, das sind die einzigen, die ich gar nicht ertragen kann", flüstert er leicht empört. Für nähere Erklärungen ist keine Zeit: Das erst e Opfer ist per Drachenflieger schon in ein Familienpicknick gerauscht.

Der Koch reicht noch schnell ein Essen in die ersten Reihen, die Nachzügler bleiben einfach im Türrahmen stehen. Dirk vertieft sich in das Münsteraner Geschehen. Aufrecht sitzt er auf einer der Bänke, eine Holunder-Bionade in den Händen. Der Raum ist dunkel, von vorne flimmert die Fernsehprojektion bläulich auf die Zuschauer. Ab und zu flammen Feuerzeuge auf. Trotz der Zigaretten weht vom Kneipenraum einen Zimtnote in das "Tatort"-Kino, deutlich mischen sich Kickergeräusche und Gemurmel in die Ermittlungsarbeiten.

Nach etwa der Hälfte des Films brauchen die Gäste Getränkenachschub oder müssen aufs Klo. Auch Dirk wird unruhig, die Beinfreiheit ist eingeschränkt, immer wieder drängeln sich Leute an ihm vorbei und versperren den Blick auf die Leinwand. Von den etwa 45 Leuten im Saal sind viele zu zwei oder zu dritt gekommen. Wer alleine da ist, wie Dirk, scheint sich weniger zu amüsieren. Das ansteckende Lachen der Freundin oder des Kumpels fehlt.

Dirk wird ungeduldig, doch jetzt lacht auch er. Auslöser ist Boernes Entdeckung gegen Ende: Der Hund seiner Grundschullehrerin wurde mit dem gleichen Gift getötet wie die menschlichen Opfer. So abstrus das klingt, Dirk scheint es zu gefallen. Er prustet leise vor sich hin. Nach 90 Minuten ist die Mördering gefasst. Die Besucher springen auf und verlassen das Hinterzimmer. Auch Dirk schnappt sich seine Jacke. "Gut war´s", resümiert er, bringt seine leere Flasche zur Theke und geht.