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16.10.07 17:18 Alter: 10 yrs

Ausgehen ohne Quatsch-Zwang

Von: Süddeutsche Zeitung // Christian Fuchs

In Hamburger Großstadtbars treffen sich junge Menschen, um "Tatort" zu schauen und nicht alleine zu sein.

Sonntag, 20.23 Uhr in der Hamburger Pony Bar. Im Hinterzimmer, hinter einer wuchtigen Gardine, stehen abgewetzte schwarze Ledersofas, die Wände sind mit Blümchentapete bespannt, neben den Sofas stehen goldene Stehlampen aus dem Möbelmarkt. An einer Wand lodert das gute alte Lagerfeuer Fernsehen, 15 Menschen sitzen davor, es läuft "Tatort" auf der ARD.

Die Szene könnte in den fünfziger Jahren spielen, als ganze Familien sich rituell bei der Nachbarsfamilie anmeldeten, wenn am Sonntag Krimi lief. Damals am Nierentisch brachte die Flimmerkiste die Menschen zusammen und wenn sich der Sendeschluss ankündigte, diskutierten Oma, Tante und Nachbarscousine noch lange über den Mörder mit dem Handschuh.

Ein Schuss fällt, ein Mann liegt tot am Boden und blutet. In der Pony Bar bleibt es still wie in einer Kirche, andächtig folgen die jungen Szenegänger dem "Tatort". Sie sitzen, lauschen und gucken dort, wo sie an anderen Tagen wild tanzen, singen und schwitzen: Fernsehen wird erst in der Gemeinschaft schön. In Kneipen und Clubs kommen Großstadtmenschen seit einiger Zeit zu gemeinsamen "Tatort"- und Hörspielabenden zusammen. Aus dem Einbahnstraßenmedium, das Abends hundertfach aus den Wohnungen flackert, wird wieder ein Gemeinschaftsmedium, das die Menschen zusammenbringt.

Kollektiver Konsum von Popkultur

Seit dem Erfolg von Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft setzt sich nun in Berliner, Hamburger und Münchner Clubs der kollektive Konsum von Popkultur durch. Aus den Boxen mancher Bar dröhnen an einem Tag der Woche keine E-Gitarren und Bass-Drums, sondern Unterhaltungsklassiker aus den Kindertagen der Generation Praktikum. Beliebt sind vor allem die Jugendkrimiserien "TKKG" oder "Die drei ???", der "Geisterjäger John Sinclair", alte Folgen von TV-Klassikern wie "Monaco Franze" und eben "Tatort".

In Zeiten, in denen die 20 bis 30-Jährigen öfter ihre Freundeskreise und Wohnorte wechseln, als ihre Eltern die Unterwäsche, wächst die Sehnsucht nach einem festen sozialen Umfeld. Früher fand der Fernsehabend im Kreise der Familie statt, heute sind viele heiratsfähige Großstädter noch Singles. Darum schaffen sie sich ihre eigenen Orte, in denen Familien auf Zeit entstehen und alles so überschaubar ist, wie früher bei der "Rudi Carell Show" - und treffen sich mit Gleichgesinnten in der Kneipe.

Bildstrecke Mord im Hinterzimmer

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Oliver Günther und Angelika Schäfer sind heute zum ersten Mal beim Hörspielabend in der Barbarabar. Von der Decke streuen Diskokugeln Lichtpunkte auf die roten plüsch-bespannten Wände. "Zu Hause hören wir Hörspiele im Bett meistens vor dem Einschlafen", sagt Angelika. "Wir wollten mal was Neues ausprobieren und die 'Drei ???' in der Gruppe hören."

Barfrau Julia legt am DJ-Pult die erste Folge ein. Die Stimmen der Jugenddetektive Justus, Peter und Bob dringen durch die kleine Bar bis auf die Straße - 30 Meter entfernt beginnt die Reeperbahn mit ihren blinkenden Leuchtreklamen, Strip-Lokalen und Sexkinos. In der Barbarabar ist es kuschelig, Dias mit fröhlichen Siebziger-Jahre-Models werden an eine Wand projiziert. Mädchencliquen und Pärchen sitzen überall, sogar auf dem Kicker, trinken Bionade oder Cola und schweigen. "Die Leute kommen wegen der Gesellschaft her", sagt Barfrau Julia "und es ist ja auch mal angenehm, nicht immer Musik hören zu müssen".

"Tatort" in der Kneipe - reine Geschmacks-Sache

Das findet auch Christian Wüllner. Der 26-jährige Student sitzt an einem Sonntagabend in der Pony Bar und guckt auf eine Leinwand, über die die aktuelle "Tatort"-Folge flimmert. "Public Viewing ist wie Ausgehen, ohne reden zu müssen", sagt Christian. "Das ist gut, wenn man noch völlig geschrotet ist von Samstagnacht."

Natürlich könnte er mit seinem Kumpel auch zu Hause den Fernseher einschalten. So würden es seine Eltern machen. Der routinierte Nachtschwärmer will aber auch Sonntagabend unterwegs sein. "Vielleicht ist das wie Weggehen mit Fernsehen. Es kommt gut an", sagt Kay. Der Bar-Chef der Pony Bar steht am Kickertisch und lässt den Plastikball klackern, während seine Gäste fernsehen. "Ich verstehe gar nicht, welchen Reiz das hat, den 'Tatort' in der Kneipe zu gucken", sagt er und zieht die Schultern hoch.

In der anonymen Großstadt wächst das Bedürfnis nach gemütlichem Beisammensein, glaubt Stefanie Bierbaum. Die Marktforscherin vom Hamburger Trendbüro sieht in kollektiven "Tatort"-Abenden die Suche der Internet-Generation nach Gemeinschaft: "Früher haben alle Leute die gleichen Sendungen im Fernsehen gesehen und konnten am nächsten Tag darüber reden. Das Verbindende, was das Fernsehen verloren hat, schafft man sich nun künstlich in einem TV-Ereignis - wie dem gemeinsamen 'Tatort'-Abend." Dass die urbane Großstadtjugend ausschließlich Programme von gestern schaut, ist für die Trendforscherin nicht verwunderlich: "Wenn die Leute zusammen fernsehen, dann sehen sie vor allem Serien, die sie an ihre Kindheit, Geborgenheit und Wärme erinnern."

Angelika und Oliver haben sich inzwischen in der Barbarabar zusammengekuschelt. Die zweite Folge der "Drei ???" läuft bereits. Einer der Nachwuchsdetektive sagt "Willkommen im Klub der Ahnungslosen". Oliver muss über diesen kindlichen Spruch schmunzeln, auch eine junge Blondine lächelt von der Bar zu ihm rüber. "Es ist doch lustig, wenn man schmunzeln muss und sieht, dass andere das Gleiche tun", flüstert Oliver. Sphärische Musik ertönt aus den Lautsprechern, Angelika schnellt hoch. Die Chance nutzt Oliver, er steht auf, schleicht zur Bar und nimmt sich zwei Tüten Ahoj-Brause - die gibt es an Hörspielabenden gratis für alle. Er reißt ein Tütchen auf, rote Teelichter flackern hinter ihm.

Der ewige Stenz in guter Gesellschaft

Kerzen sind auch das einzige Licht im Indie-Club Grüner Jäger. Nicht weit von der Barbarabar entfernt, läuft dort zur gleichen Zeit Helmut Dietls Fernsehserie "Monaco Franze - Der ewige Stenz" über zwei Großbildleinwände. Vor einer Leinwand sitzt die 23-jährige Franziska Domeier und knabbert an einer Salzstange. "Ich bin nur drei Monate für ein Praktikum in Hamburg und kenne niemanden in der Stadt", sagt sie. In ihrer Einzimmerwohnung wartet keiner auf sie.

Im Grünen Jäger hat sie Menschen um sich. "Hier habe ich nicht das Gefühl, zu Hause zu versauern." Vor ihr auf dem Tisch steht eine Schale mit Chips und Salzstangen, Franziska lehnt sich auf dem großen Sofa zurück. "Vielleicht lerne ich ja hier Leute kennen, ganz ohne Zwang." Neben ihr sitzen zwei junge Männer, sie wird den ganzen Abend kein Wort mit ihnen wechseln.

Auch die Werbung hat die Sehnsucht nach öffentlicher Gemeinsamkeit erkannt. Die Tabakmarke American Spirit lud dieses Jahr in Berlin und Hamburg zu vier Picknicken ein. Bis zu 300 einander fremde Grafikdesigner, Schauspieler und Musiker teilten sich öffentlich Schmankerl-Körbe in denen Bionade, hausgemachte Wurst in Gläschen und Biobrot steckten. "Bei einem gemütlichen Picknick sollten unsere Kunden untereinander kommunizieren", sagt Jan Ockert von Santa Fe Tobacco. "Auf subtile Weise kommunizieren wir so unsere Markenwerte." Die Kundenbindung lässt sich der Konzern eine fast sechsstellige Summe kosten. Eines hat American Spirit verstanden: Es gibt ein Bedürfnis nach Gemeinschaft - gegen die Vereinzelung in der Großstadt.

In der Barbarabar hat die dritte Hörspielstunde begonnen. Angelika hat ihre Augen geschlossen, sie atmet tief und langsam. Sie ist eingeschlafen - 22:37 Uhr in einer Bar auf dem Kiez. Auch in Olivers Gesicht zwängt sich immer öfter ein Gähnen. Schließlich nimmt er Angelikas Hand und zieht sie aus den Tiefen des Sofas. Sie gehen nach Hause, zu ihrer eigenen Hörspiel-Sammlung.

Foto: Maxi Domke/Pony Bar

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