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14.02.08 16:40 Alter: 10 yrs

"Bildung sollte kostenlos sein"

Von: Hamburger Abendblatt // Diana Zinkler

Der Wähler denkt selbst - Die Serie im Abendblatt Die Diplom-Politologin (27) denkt in der Pony Bar am Grindelhof über die Bürgerschaftswahlen und ihre politischen Favoriten nach.

Morgens um zehn ist auf dem Campus der Uni noch nicht viel los. Nur ein paar Studenten sind auf dem Weg in Hörsäle, Bibliotheken und Cafés. Nele Schmidt, 27 Jahre alt, wartet vor der Pony Bar, einem Studentencafé am Grindelhof. Auf einem Werbeplakat gegenüber wirbt Michael Naumann damit, dass er die Studiengebühren abschaffen will. Sie findet das gut, schließlich musste sie schon einmal die Gebühr von über 500 Euro bezahlen: "Bildung sollte kostenlos sein", sagt sie.

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Später beim Milchkaffee erzählt sie von den finanziellen Schwierigkeiten ihrer Kommilitonen. ,,Das ist echt hart, die meisten gehen nebenher arbeiten." Auch sie arbeitet 20 Stunden in der Woche in einem Büro, den Rest bezahlen ihre Eltern. Noch - sie bewirbt sich gerade um ein Stipendium, das ihr die Promotion finanziert. Auch so ein Punkt, wo das neue System von Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) ihrer Meinung nach hakt. ,,Man kann nicht Studiengebühren und Studiengänge wie Bachelor und Master einführen, alles schön nach amerikanischem Vorbild, und dann aber kein funktionierendes Stipendien- und Kreditsystem für die Studenten anbieten." Chancengleichheit, Bildung für alle, sei nicht gegeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten ein Studium aufnehme, werde in Deutschland immer geringer. Deshalb hält sie den Gesamtschul-Ansatz der GAL, schon während der Schulzeit für Chancengleichheit zu sorgen, für sinnvoll. Und Christa Goetschm, (GAL), die schätzt sie. "Sie ist sympathisch, engagiert und eine Frau."

Beim Thema Studienreform und Studiengebühren fühlt sich Nele Schmidt sehr angesprochen, obwohl sie genau genommen keine Studentin mehr ist. Sie hat im Sommer ihr Diplom in Politik mit Wahlfach Biologie, Schwerpunkt Naturschutz, gemacht. Sehr erfolgreich, das sagt sie nicht, muss aber so sein. Denn ihr Professor hat sie uns als Gesprächspartnerin empfohlen. Vielleicht liegt es an ihrer momentanen Suche nach dem richtigen Thema für ihre Doktorarbeit - sie überlegt sich jede Antwort ganz genau. Aber wird sie Naumann wählen, weil er die Studiengebühren abschaffen will? Sie schaut an die Decke. "Ich kann noch nicht sagen, ob ich ihn wähle, ein überzeugender Punkt reicht nicht für meine Stimme."

Das zweitwichtigste politische Thema ist für sie der Umweltschutz, und damit kommt sie zu Bürgermeister Ole von Beust (CDU): ,,Man kann nicht den Klimaschutz zum obersten Ziel erklären und dann ein Kohlekraftwerk in Moorburg bauen wollen." Natürlich müssten alle Haushalte versuchen, privat Energie zu sparen, aber auf der anderen Seite müsste sich die Politik auch auf neue Energien einlassen. Sie jedenfalls, und jetzt kommt sie ein bisschen in Fahrt, hat ihren persönlichen Atomausstieg schon vollzogen. ,,Ich bin jetzt bei einem Ökostrom-Anbieter", sagt sie und lehnt sich wieder zurück in den Nierensessel. Beugt sich noch mal vor: ,,Das ist der Anfang für eine Wende."

Und worüber möchte sie promovieren? Internationale Politik sei ihr Schwerpunkt, sie überlege sich, wie man mit Rohstoffen nachhaltig umgehen könne. Nachhaltigkeit bei politischen Entscheidungen findet sie wichtig. Ein Kohlekraftwerk sei völlig entgegen dem Umweltschutz. Die CDU werde sie wohl nicht wählen, schon nicht, weil sie Bürgermeister Ole von Beust nicht verzeihen kann, dass er mithilfe der Schill-Partei an die Macht gekommen ist. In ihrem Bezirk Altona aber habe sie die Kombination "Schwarz-Grün" schon kennengelernt. Beide Parteien hatten sich auch für den Erhalt des Bismarckbades eingesetzt, das ja geschlossen wurde, der Senat hatte damals die Entscheidung an sich gezogen. Auch sie hat auf einer Liste für den Erhalt unterschrieben.

"Parteien sollten den Wählerwillen ernst nehmen und mit ihrer Politik überzeugen." Wir sind beim nächsten Punkt. Der Volksentscheid. Nele Schmidt ist das besonders wichtig. ,,Die Möglichkeit zu wählen ist gut. Und es ist nicht gut, den Wähler zu bevormunden." Dass sich die CDU so stark gegen den Volksentscheid gestellt habe, sei enttäuschend gewesen. Aber sind denn die gewählten Volksvertreter nicht auch Experten, die vielleicht manchmal besser Bescheid wissen? ,,Klar, aber dann müssen sie den Wähler schon überzeugen. Außerdem glaube ich an Bildung, wenn man die vom Bürger fernhält, dann ist das natürlich schwierig." Diese Sachen sagt sie ganz unaufgeregt, eher nüchtern.

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Nele Schmidt ist 2000 nach Hamburg gezogen, aus Goslar im Harz. Eine sehr kleine Stadt im Vergleich zu Hamburg. Dafür aber Weltkulturerbe. Das Wattenmeer erkenne Hamburg als solches ja nicht an. "Das hätte ich mir auch anders gewünscht."

Sie lebt in Ottensen, in einer Dreier-WG. Leider müssen sie und ihre zwei Mitbewohner jetzt in einen anderen Stadtteil ziehen. Ihr Haus wurde verkauft, ihre Wohnung daraufhin gekündigt, und etwas vergleichbar Günstiges haben sie bislang in dem Szenestadtteil noch nicht gefunden. "Ich wünsche mir auch in solchen Stadtteilen bezahlbare Wohnungen, da muss etwas getan werden."

Nele Schmidt sagt, dass sie schon weiß, was sie am Sonntag, dem 24. Februar wählen wird. 2004 gab sie der GAL ihre Stimme. Sie will nun los, sie habe genug Kaffee gehabt. "Ich gehe jetzt in die Bibliothek", sagt sie, sie verabschiedet sich und geht raus, wo inzwischen schon ein paar mehr junge Leute unterwegs sind. Nele geht vorbei am Michael-Naumann-Plakat, ohne noch einmal zu gucken.