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31.12.07 13:32 Alter: 10 yrs

TAGESKARTE JAZZ Sessions in der Pony Bar

Von: Spiegel Online // Hans Hielscher

Ein schlechtes Jahr, ein gutes Jahr: Mit Max Roach, Joe Zawinul, Michael Brecker und Oscar Peterson starben 2007 vier Jazz-Giganten. Doch Herbie Hancock produzierte ein fulminantes Album, das hoffen lässt - auch für 2008.

Seit einigen Jahren beunruhigen schrumpfende Umsätze die Tonträger-Industrie. Statt CDs zu erwerben, laden sich immer mehr Menschen ihre Lieblingsmusik im Netz herunter und kopieren Neuerscheinungen ? dieser Trend hat sich auch 2007 fortgesetzt. Glücklicherweise ist die Jazz-Branche davon kaum betroffen. Denn anders als die Schnellkonsumenten des Pop suchen Jazz-Liebhaber Qualität. Sie mögen geschmackvoll gestaltete CD-Hüllen, schätzen Begleithefte mit Fotos und Informationen. Dafür Geld auszugeben, ist für sie selbstverständlich. Indem die Jazz-Gemeinde Alben kauft und Konzerte besucht, hält sie ihre Musik am Leben. Das soll auch im neuen Jahr so sein.

2007 beklagte die Jazz-Welt den Tod von vier Giganten: Michael Brecker war der vielseitigste Saxofonist unserer Tage, Max Roach revolutionierte das Schlagzeugspiel, Oscar Peterson übertraf mit seiner Klaviertechnik klassische Pianisten und Joe Zawinul fusionierte Jazz und Rock zu einer Musik, die Millionen begeisterte. Der aus Wien stammende Keyboarder tourte noch als 74-Jähriger durch die Welt und erklärte, "für Zukunftspläne noch zu jung" zu sein. Ihn halten die meisten amerikanischen Jazzmusiker für den bedeutendsten Kollegen aus Europa.

Herbie Hancock sagte jedenfalls sofort "Joe Zawinul", als wir den US-Star im Oktober zu seinen europäischen Helden befragten. Anlass für die Unterhaltung war das Album "River: The Joni Letters". Hancocks Quintett mit ihm selbst am Klavier und dem Saxofonisten Wayne Shorter spielt Kompositionen von Joni Mitchell. Als Gäste kommen Sängerinnen wie Norah Jones, Tina Turner (!) und die geehrte Joni Mitchell. Die CD gehört definitiv zu den besten des Jahres 2007.

Einen German Jazz Award gewann wieder einmal Nils Landgren (für das Album "License To Funk"). Der in Hamburg lebende schwedische Posaunist wird 2008 künstlerischer Leiter beim JazzFest Berlin. Dorthin einladen sollte er einen Musiker, der am 25. Dezember 75 Jahre alt geworden ist: Heinz Sauer. "Er erschüttert und tröstet, ist wütend und liebevoll in einer einziger Phrase", schreibt Michael Wollny über den Saxofonisten. Der Pianist, der Sauers Enkel sein könnte, spielt immer wieder im Duo mit dem musikalisch jung gebliebenen Veteranen. Die beiden sind natürlich auf der Platte "The Journey" zu hören, die Sauers Schaffen von 1964 bis heute würdigt. Weltklasse-Jazz aus Deutschland.

Wie lebendig diese Musik hier zu Lande sein kann, ist jeden Mittwochabend in Hamburg in der von Studenten betriebenen "Pony Bar" am Allende Platz gleich neben dem Abaton-Kino zu erleben. Da jammt und experimentiert ab 22 Uhr die Jazz-Elite der Stadt in wechselnden Formationen, die der Bassist Phillip Steen zusammen telefoniert. Oft sind Mitglieder der NDR Bigband dabei, etwa die Saxofonisten Lutz Büchner oder Fiete Feltsch; manchmal steigt sogar ein in Hamburg weilender Stargast ein, wie kürzlich der Drummer Danny Gottlieb aus New York. Die anregenden Sessions werden 2008 fortgesetzt. Es lohnt sich, einmal vorbei zu kommen.