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02.04.05 15:38 Alter: 12 yrs

Nischen im Uni-Alltag

Von: taz nord / Nicolai Schaaf

Die von Studenten betriebenen Cafés in den Fachbereichen bieten Platz für sozialen und politischen Austausch sowie Kaffee zum Selbstkostenpreis. Sie gehören zu den wenigen Rückzugsorten auf einem ungastlichen Campus

Creisch, Paranoia, Knallhart. Mitunter begegnen einem Studienanfänger an der Uni verwunderliche Namen, während er oder sie doch gerade versucht, sich in den Wirren der Adressakronyme zwischen VMP, ESA und AP zu orientieren. Die selbst verwalteten studentischen Räume und Fachschaftscafés, die sich dahinter verbergen, kompensieren mehr oder weniger leise das Fehlen von Aufenthalts- und Arbeitsräumen: Mit alten Sesseln, Musik und günstigem Kaffee.

Katharina Höfel studiert im siebten Semester Soziologie. Sie kennt das Problem, zwischen zwei Seminaren einen Aufenthaltsraum zu finden, wo es für wenig Geld auch Kaffee und Brötchen gibt. Meistens besucht sie das Café der Sozialwissenschaftler, die T-Stube im Pferdestall. Dort sitzt Höfels Fachbereich. Wichtiger aber sei ihr, dass die Athmosphäre in der T-Stube "so ungezwungen ist, dass es da richtig häuslich wirkt". Sie könne dort "rumgammeln und die Füße hochlegen", schwärmt die Studentin: "Und wo sonst an der Uni gibt es noch so günstigen Kaffee zum Selbstkostenpreis?"

In vielen Gebäuden und Fachbereichen seien selbst verwaltete Cafés die einzigen Rückzugsräume für die Studis, berichtet Jonas Füllner vom Uni-AStA. Auch der soziale Faktor sei wichtig: "Gerade für Erstsemester sind die Cafés sehr lohnenswert, und sei es nur um zu erfahren, welche Profs angesagt sind." Fragen aller Art zum Unileben beantworten aber auch die Studenten hinterm Tresen des AStA-Info-Cafés. Darüber hinaus machen Zeitungen, Internetanschluss und eine Kaffeemaschine die Anlaufstelle im AStA-Trakt angenehm.

Viele der Studentencafés auf dem Campus sind aus den Uni-Streiks 1988 und 1989 hervorgegangen. Heute aber spielt Politik nur noch in manchen eine Rolle. Das Café Creisch etwa werde noch intensiv als "politischer Raum" genutzt und sei Ausgangspunkt vieler jüngerer Streikaktionen gewesen, berichtet AStA-Referent Füllner. Das Café der Germanisten im dritten Stock des Philosophenturms ist fachlich gesehen seine Heimat. Examenskolloquien, Sitzungen des Fachschaftsrates, politische Debatten und Partys finden hier statt. "Es schaut sogar mal der eine oder andere Lehrende vorbei", so Christoph Breitsprecher, ebenfalls Germanist im elfen Semester. In den benachbarten Stockwerken gibt es weitere Fachbereich-Cafés (siehe Kasten).

Den selbst verwalteten Cafés mache aber "der allgemeine Trend zur Kommerzialisierung des Campus-Lebens" zu schaffen, beklagt Studierendenvertreter Füllner. Jüngstes Opfer: Das vegane Kochkollektiv, das in dem Frauen- und Gender-Raum neben der T-Stube gekocht hat. Die Uni-Leitung hat es laut AStA unter Hinweis auf Feuerschutzmaßnahmen geschlossen. Das beliebte Volx-Café im Foyer des Phil-Turms hatte schon 2001 der neuen Mensa weichen müssen. Auch für einen Frauenraum, der zusammen mit dem Volx-Café geschlossen wurde, gab es keinen Ersatz, wie der AStA beklagt.

Referent Füllner findet, "dass die fortschreitende Privatisierung und die künstliche Schaffung von vermeintlichen Kulturstätten wie der Pony Bar im Pferdestall nicht notwendig ist". Erst recht nicht, wenn diese sich gegen selbst verwaltete Projekte richteten. Die Uni sei aber zur "massiven" Vermarktung ihrer selbst übergegangen, rügt Füllner: "Räume, die früher kostenlos waren, werden jetzt von der Uni-Marketing-GmbH gegen sehr hohe Mieten angeboten." Sogar schwarze Bretter würden für Werbung benutzt, so dass private Aushänge kaum noch Platz fänden. Kommilitone Breitsprecher ergänzt: "Während die Uni sich immer mehr als schlichter Bildungsdienstleister versteht, müssen wir uns selbst soziale Räume schaffen."

Paradoxerweise wird das jetzt durch den Sparzwang an der Uni erleichtert: Da es in der Germanistik immer weniger Lehrende gebe, stünden dort Büros leer, berichtet Füllner. Gegenüber dem Café Creisch solle nun ein Arbeitsraum eröffnet werden.

2.4.2005 taz Hamburg Nr. 7629 Spezial 131 Zeilen, Nicolai Schaaf S. 22